Sägen, schneiden, stutzen. Welch’ Möglichkeit sich auszuleben! Aber: Nein, nein, nein! So weit geht meine Radikalität nicht. Jedenfalls nicht im Spätsommer, nicht mit dem falschen Werkzeug und nicht an jedem Strauch, jeder Staude, jedem Baum. Einerseits gehört zum Gärtnersein die Entscheidungsfreude, der Mut zu kürzen, zu teilen; ja, dem Wachstum Einhalt zu gebieten. In diesem Regenjahr im norddeutschen Garten allemal. Es grünt, wächst und schlägt aus, in allen Beeten.
Beim meinem Besuch im
beeindruckenden Stauden-„Garten der Horizonte“ riet man
mir zum kräftigen Rückschnitt des Lavendels, am Besten gleich nach der Blüte.
So könne die Pflanze im Herbst noch einmal kräftig austreiben und sei vor Frost
geschützt. Da war ich also bisher zu zögerlich; arge Verholzung war mein Lohn.
Gelernt habe ich auch, dass der Frauenmantel sich viel besser regeneriert, wenn
ein erster Rückschnitt nach der Blüte erfolgt; auch den Mohn lasse ich jetzt
nicht mehr bis in den Herbst stehen, zwar sahen die trocknen Kapseln dekorativ
aus, aber die Pflanzen drumherum hatten kein Platz zum Atmen.
Auch Rhododendron kann man gut zurück schneiden, sie danken mit vielen Blüten für einen Schnitt im Frühjahr. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, mit einer der prächtigsten und größten Rhododendronanlagen kann man sich überzeugen. Dort werden die Sträucher aufs Knie gesetzt und schlagen wieder aus.
Der Gärtner bringt Licht in seinen Garten; er lichtet im Wortsinne aus! Die Haselnuss, Liguster und Geißblatt im Herbst, auch die Frühblüher unter den Spierenstraucharten wollen im Herbst geschnitten werden; für Sommer- und Herbstblüher ist das Frühjahr angesagt, auch Efeu will zu Beginn des Frühjahrs die Schere spüren.
So verteilt sich die Arbeit für den Gärtner; es bleibt Zeit die warme Septembersonne zu genießen. Beim Umpflanzen zum Beispiel. Denn auch das habe ich im Garten der Horizonte gelernt, abstecken, verjüngen, verpflanzen: das macht die Pracht! Bodenqualität, Wasser und Dünger sollen nicht unterschlagen werden. Und natürlich wollen jetzt auch wieder Frühblüher- und Tulpenzwiebeln ausgesucht und gesetzt werden. Ich freue mich jeden Spätsommer erneut darauf, Zwiebeln nach Farben, Wuchs und vor allem Robustheit zu finden. Der frische Quittensaft, genossen nach dem Pflanzen in der geschützten Terrassenecke, belohnt und die Vorfreude hält fast ein halbes Jahr.
Gudrun Reher. 05.09.2011