Ich, mein Garten und der Trend der Zeit.
Fast eine Zeitungsseite groß, farbig und genau beschrieben, wo soll welches Gemüse wachsen, wo wird die amerikanischen First Lady Michelle Obama sich bücken, um die Wurzelreihen vom nicht erwünschten Grün zu befreien. Vitamine für die Küche, frisch auf den Tisch der Präsidentenfamilie! Eine große Werbetrommel, mediengekonnt weltweit geschickt vermarket. Zurück zu den Wurzeln, der Mensch besinne sich auf die Natur, auf das, was sie uns alles zu bieten hat. Da gehen die Obamas vorbildhaft voran, machen das Parkgrün zum Gemüsebeet, werden graben, säen und auch ernten. Auf jeden Fall Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Der Trend ist eindeutig, auch in Deutschland: Lust auf Garten! In den
Städten sind die Wartelisten der Kleingartenvereine lang, mancherorts
wird eine detaillierte Einstellung zum Gemeinschaftsgrün und zu Kind
und Kegel abgefragt. Die Cappuccino- und Latte macchiato-Generation
sucht mit Kindern, die auf Emma, Lilly und Henry hören, die Idylle
zwischen Buchs und Lavendel. Der Milchaufschäumer ist mit im Gepäck und
die befreundete Biologin macht alle giftigen Pflanzen im kleinen Grün
ausfindig. Rote Bändchen sieht man dort um alle Eiben, die bei der
nächsten Freundesaktion ihr Leben lassen müssen oder in anderen Gärten
hoffentlich eine neue Heimat finden werden. Tanten, Großmütter und alte
Gartenhasen bekommen den Fachstatus zugebilligt, sie können das
Gierschgrün vom den zarten Blättern der Akelei unterscheiden und mit
klugen Büchern aushelfen. Als Dank gibt es wunderbare Kaffeegetränke
und heiteres Kinderlachen. Da wächst etwas zusammen, was schon verloren
geglaubt war.
Die Trendforscher glauben, dass die Zeiten des Konsums, der
oberflächlichen Spaßgesellschaft nun endgültig vorbei seien: Die
Beständigkeit des Wachstum im Wirtschaftsmarkt hat erheblichen Schaden
genommen. Die Sinnfrage der Menschen stelle sich bei vielen neu und
bekäme gerade im Garten eine Antwort. Hier lernt man Geduld zu haben,
Kommen und Gehen zu akzeptieren, Fleiß wird belohnt und Niederlagen
durch Wind, Trockenheit, Schnecken und Wühlmäuse stärkten die
Frusttoleranz. Aber: einen Garten hat man nicht nur mal eben! Wie lange
hält ein Trend? Ein Garten braucht Zeit. Fünf, zehn, fünfzehn oder
zwanzig Jahre. Der Gärtner wächst mit seinem Garten. Auch damit, dass
man hoffentlich nie fertig wird. Das immer wieder Veränderung anstehen,
der Blick auf Neues trifft, dass Mut und Demut sich die Waage halten.
Die Natur ist ein hartnäckiger Lehrmeister und immer wieder für
Überraschungen gut.
In meinem Garten bin ich in diesen Tagen über alle Massen belohnt
worden: Überall blühen Vergissmeinnicht. Dieses Blau gehört für mich
nicht auf den Friedhof, für mich ist dieses Meer von Blau der
Frühling. Eine luftige Erscheinung, eine Spiegelung des Himmels,
schrieb Johannes Roth, über diese blaue Blume, die wie der Mythos
erzählt, ihren Namen dem Schicksal von Liebenden verdankt: Die Liebste
ist entzückt über die blauen Blumen an der Uferböschung, der Liebste
will sie pflücken, rutscht ab und ruft, bevor er auf Nimmerwiedersehen
in den Fluten versinkt : "Vergissmeinnicht!" Auch in England soll sich
die Geschichte zugetragen haben. Dort heißt das Blümchen: "Forget me
not!" Und in Frankreich? Kein französischer Namen lässt sich finden;
es heißt der Franzose konnte schwimmen....
Gudrun Reher, 26.04.09