Aktuell
Ihre Auswahl
Service

Ich, mein Garten und das Gedenkemein.

Ich kann es nicht leugnen: Großgeworden bin ich ohne das Gedenkemein. Jedenfalls kam das Wort in meiner Familie trotz Haus- und Gemüsegarten nicht vor. Auch meine zwei pflanzenliebenden Großmütter schenkten mir, ihrer Enkelin, trotz sonst so vieler Worte, Begrifflichkeiten und Lebensweisheiten, das Gedenkemein nicht. Auch in den weiteren Jahrzehnten meines Lebens hatte ich diesen phantasievollen Namen nicht in meinem Repertoire.


Jetzt aber habe ich dazu gelernt. Das Gedenkemein ist schon seit langem ein ständiger Begleiter. Mein Gärtnerfreund klärte mich auf: Zudem, was der Volksmund oder die einfache naive Gartenfreundin, so wie ich, mit Blick auf das Frühlingsbeet hereinsehnt, ist nicht einfach eine blaue Pracht von Vergissmeinnichts. Zur Familie der Raublattgewächse gehört das aus meiner Mutters Garten importierte Kaukasus-Vergissmeinnicht und das beliebte Garten- Vergissmeinnicht, eine zweijährige Pflanze, die heute nicht nur im bekannten Vergissmeinnicht-Blau zu haben ist, sondern in Rosa, Weiß und auch im fast dunkeln Indigoblau auf dem Markt und beim Gärtner zum Kauf lockt. Und natürlich das Gedenkemein, die Pflanze der Romantik. Im 19. Jahrhundert wurde das Gedenkemein von unseren Ur- und Ururgroßeltern besonders geschätzt. Frühblüher sind alle drei. Als unkompliziert werden sie beschrieben, sie erobern den Garten. Insbesondere das Gedenkemein hat sich auch im Schatten und Halbschatten bewährt. „Omphalodes verna“, der botanische Name, unterscheidet sich durch die weißen Augen in den leuchtend blauen Vergissmeinnicht-Blüten. Die Pflanze bleibt mit 15 cm niedrig und hat ovales Blattwerk. Das klassische sternförmige Vergissmeinnicht-Blütengesicht zeigt uns dagegen gelbe Augen und wird je nach Sorte bis zu 30 cm hoch.

Für mich zählt der ungehemmte Wuchs, der Teppich aus Blautönen. Die Farbe Blau, im Garten trotz Glockenblumen, Veilchen, Eisenhut, Rittersporn und Iris, doch im Gartenjahr eher selten, ist schon etwas Besonderes.

Die Bedeutung der Farbe Blau  zeigt sich in der Kunst, der Literatur, Mode und Werbung. Vor allem aber in unserer Gefühlswelt: Blau ist die Farbe des Südens, der Ferne und damit auch der Sehnsucht. Blau steht für die Weite des Himmels, ist die Farbe der Konzentration und des Unbestimmten. Für die Treue steht das Vergissmeinnicht und wir sollen durch diese Gattung daran erinnert werden, dass wir die Demut und die Gottesliebe nicht vergessen. Viel wird also von diesen blauen Frühjahrsboten abverlangt und ihnen zugeschrieben. Wir Gärtner setzten diesen blauen Inseln auch etwas zu, an die Seite sozusagen: lila Stiefmutter und Goldlack, der sich in den Farben gelb, orange oder goldbraun anbietet. Auch anmutig in diesen blauen Wogen steigen Tulpen empor, pink oder weiß, elegant auch ein dunkles Lila. Und wer die Zeit des Tulpensetzens verpasst hat und nicht bis zum nächsten Jahr warten will, greift zu günstigen farbenfrohen Primeln.


Gudrun Reher. 05.03.2011

Gudrun

Gudrun Reher ist freie Journalistin, Buchautorin, Sozialarbeiterin und passionierte Hobbygärtnerin. Sie wohnt in Hamburg und bewirtschaftet einen Garten im ca. 180 km entferntem Angeln nahe der Flensburger Förde.