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Ich, mein Garten und die kleinen Fragen des Lebens am Gartenzaun.

Wie war das noch mit der Mehrwertsteuer-Absenkung fürs Hotelgewerbe? Spendeneinfluß der Hotellobby oder eine kleine Maßnahme zur Konjunkturbelebung?!
Die sommerlichen Mußestunden im Garten regen zum Philosophieren an oder auch zum Diskutieren mit den Gartennachbarn. Zum Arbeiten im Garten ist es bei diesen wunderbaren Temperaturen ohnehin zu warm. Über Gießen und Kannenschleppen ein anderes Mal... Also auf zum schattigen Plätzchen.
Da stehen oder sitzen wir also und versuchen, mit dieser besonderen Zufriedenheit des Gärtners, Bekanntes, Erfahrenes oder Selbstverständliches zum Thema zu machen.

Hat der Gärtnerkollege einen anderen Blick, vielleicht gar einen anderen Zugang zu meinen Fragen? Er holt einen Kassenzettel vom letzten Besuch im Gartencenter heraus und ich staune. 19% Mehrwertsteuer auf die Blumenerde und den Blaudünger; 7% Mehrwertsteuer auf Mädchenauge, Begonia Tuberrosa und die Hochstamm Stachelbeere. "Aber das ist doch alles für den Garten und das eine kann doch nicht ohne das andere!" Ich suche nach dem Blick, dem Sinn fürs Ganze. Pflanzen gehören vielleicht zur Grundversorgung wie Lebensmittel auch; wir können nicht ohne sie. Das kann ich sofort bestätigen. Und Blumenerde brauchen wir Gärtner mit unserem Anspruch an eigene Kompostierung und Humuspflege doch eigentlich so gut wie nie... Na ja, diese spezielle Kübelerde; und auch die Anpflanzmischung, die waren schon sehr gut... Also ich behaupte, dass Politiker keine Gärtner sind. Sonst hätten wir doch schon längst auf alle Gartenprodukte den niedrigen Mehrwertsteuersatz. Was hast du denn davon? Ist doch schiet egal! I

Mein Nachbar hat immer diesen Blick aufs Ganze, er guckt sozusagen über den Zaun. Die um Intelektualität bemühte Gärtnerin, vier Gärten weiter, meint sogar, mein Nachbar wecke durch seine Nachfragen den Sinn für die Komplexität unserer Wirklichkeit. Ich finde, dass er seinen Garten in Ordnung hat. Und jetzt so visavis, wir beide noch mit Erdrändern unter den Nägeln, den alten Gartenschuhen und den Rücken leicht mit der einen Hand gestützt,  kommt doch noch mal die Frage: Meinst du, dass Politiker auch gärtnern? Haben die denn überhaupt Zeit? Aber jeder kann doch Gärtner werden. Guckt dir doch mal hier bei uns die unterschiedlichen Typen an: Die einen haben große gärtnerische Ambitionen, jedes Frühjahr mit viel Geld und fremder Hilfe Neues und dennoch will's nicht gelingen. Perfektionisten haben es schwer mit ihrem Garten. Andere können entspannen, keine hohen Ansprüche, aber ein Ort zum Wohlfühlen. Ein wenig Talent und Freude an kleinen Erfolgen.  Wieder andere wollen die Wildnis, die freie Natur. Da muss man mancherorts auf Toleranz der Nachbarn oder des Vorstands des Kleingartenvereins hoffen.
Hans Leip, ein Hamburger Urgestein, auch bekannt geworden als Texter des Lili Marleen Liedes, trifft in "Die unaufhörliche Gartenlust" die Aussage, dass "Kunst, Mode, Weltanschauung und Regierungsformen" der Garten- und Parkentwicklung parallel verlaufen. Mein Garten spiegelt die Berliner Politik?! 
Gudrun Reher, 04.07.10

Gudrun

Gudrun Reher ist freie Journalistin, Buchautorin, Sozialarbeiterin und passionierte Hobbygärtnerin. Sie wohnt in Hamburg und bewirtschaftet einen Garten im ca. 180 km entferntem Angeln nahe der Flensburger Förde.