Ich, mein Garten und die große Frage: Soll ich...?
Oder nicht? Juli, Reisezeit! Und die Gärtner? Jedes Jahr die große Frage: Soll ich, kann ich, darf ich reisen? Dürfen wir Gärtnerinnen und Gärtner unser kleines oder großes Grün verlassen? Jetzt, um diese Zeit?! Es drohen doch tausend Gefahren. Dürre oder Überschwemmungen, Pilzbefall oder Wildrudel, radikale Wachstumsschübe oder massive Clematiswelken! Zweifel, ob die Nachbarin zu viel gießt, zu wenig oder überhaupt?
Außerdem: Mein Garten zeigt sich jetzt von einer wunderbaren Seite. Er
ist der Gebende, wieder einmal der Zurückgebende. Voller Intensität, ja
gerade zu sich verausgabend, überbordendes Blühen und Grünen. Im Juli
morgens früh zwischen fünf und sieben Uhr, zeigen sich am Wochenende,
wenn die Nachtschwärmer gerade nach Hause gekommen sind und die
Flohmarkt-Fanatiker sich schon auf den Weg gemacht haben, der Igel sich
schlafen gelegt und Ruhe eingekehrt ist: dann sind die schönsten Gartenstunden.
Der Tag so jung, der Garten hat die schwüle Hitze des Vortages
verdaut.; die Luft ist klar und frisch. Meisen, Drosseln, Spatzen und
auch die schimpfende Elster sind schon unterwegs. Und ich soll fort -
verreisen?! Auf Stau-Autobahnen, auf überbuchte Touriflieger, in
Großraumwagen mit permanenten lauten Handy-Unterhaltungen?!
Hunderte von Hummeln summen mir in meinem Garten ihr Lied, hunderte von
Rosenblättern haben mich heute früh fallend mit ihrem Duft und ihrer
Leichtigkeit umspielt. Kann ich da verreisen? Darf ich da fort? Wer
sorgt sich um die Regentonne, wer schneidet Verblühtes zurück, wer
bewundert den im diesem Jahr so prächtig blühenden Lavendel, wer
gebietet dem Frauenmantel Einhalt?
Anderseits es gibt doch so viele andere wunderbare Gärten, die
bewundert werden wollen, gerade um diese Zeit. Anregungen sammeln,
Eindrücke aufnehmen, Samen und Pflänzchen aus anderen Regionen in den eigenen heimischen Boden bringen. Vielleicht eröffnet
sich mir der eigene Garten ja eine ganz neue Sicht, wenn ich mit einem
anderen Blick zurückkomme, wenn das Grün sich vier Wochen selbst
überlassen war, außerhalb der Zucht und Ordnung! Der Blick mit Distanz
hat auch die Chance auf Veränderung, auf Neues. Natürlich, da ist er
wieder, der schon oft zitierte Satz: Wer mit seinem Garten zufrieden
ist, hat ihn nicht verdient! Na ja, aber so am frühen Morgen mit
Rosenduft und Vogelgezwitscher verwöhnt, kommt das Gefühl der tiefen
Zufriedenheit in mir. Jedenfalls für diese Stunden, jetzt denk ich
nicht ans Rasenmähen, ans Heckenschneiden, an den Giersch, der sich
doch wieder zeigt, an die Primeln, die versetzt werden müssten. Nein.
Oder...? Nein!
Vielleicht eine Reise im Herbst nach Südengland? Oder auf die
Kanalinseln oder doch mit anderen Gartenfreuden im nächsten Frühjahr
auf die Blumeninsel zum Bodensee? Soll ich?
Gudrun Reher, 05.07.09