Ich, mein Garten und der Zeitgeist...
...jetzt endlich haben auch die Gärtner Muße.
Draußen streicht ein kalter Wind zwischen den Buchenhecken. Die Feldmaus kommt keck auf die noch von Rauchreif bedeckte Terrasse, um nach ausgeschüttelten Brotkrummen zu suchen. Die Gärtnerin rekelt sich auf Großvaters Stuhl, hört Radio, greift zum Tee und zur ausgiebigen Zeitungslektüre.
Und wie bestellt findet sich auch etwas für den Gartenliebhaber im
Feuilleton und auf den Seiten betitelt mit dem Zeitgeist-Begriff
"Stil". Buchempfehlungen für den Gärtner mit dem Motto statt zum Spaten
greifen sie zum Buch. "Gärten - die neue Sinnlichkeit ", lese ich einen
Titel, Gartendesigner werden vorgestellt. "Die Damen mit dem grünen
Daumen", lautet das Buch, in dem berühmte Gärtnerinnen wie Elizabeth
von Arnim, Wilhelmine von Bayreuth, Vita Sackville-West und heutige
Gärtnerinnen wie Isabelle van Groeningen und auch Gabriella Pape
gebührenden Platz erhalten. Wie viele Bücher braucht der Gärtner, die
Gärtnerin? Gärtnern Männer anders als Frauen? Muss ich die 120
populären Gartenirrtümer wissen, um sie vermeiden zu können? Ich greife
zum nächsten Blatt:
Wir Gärtnerinnen und Gärtner bekommen, wenn man Trendforscher glaubt,
in diesem Jahr 2009 viele neue Schwestern und Brüder: Die
Krisenbewältigung des Jahres lautet gärtnern. Aus England, dem Land der
großen Gärten, kommt die Nachricht, dass dort inzwischen ein Garten,
schon ein Kleingarten, ein "allotment", begehrter sei als die
Mitgliedschaft in einem elitären Club. Die weltweit sich auswirkende
Finanzkrise, die Verunsicherung und das verloren gegangene Vertrauen
ins System bringt die Menschen zurück zu den elementaren Dingen, zu
Werten, die unseren Großeltern schon wichtig waren und auf die frau und
mann setzen können und häufig auch zum Überleben setzen mussten. Der
Gartenexperte der englischen Zeitung Observer schreibt: " Sie
vertrauen dem, was sie selber gesät haben und mit eigenen Augen wachsen
sehen." Zurück zu den Wurzeln, heißt die Devise. Möhren, Zucchini und
Tomaten züchten, die Balkonkästen mit Nutzpflanzen kultivieren. Dies
seien die Themen für die kommende Dinner-Party.
Der in Deutschland schon mal als "Trendgott" bezeichnete Forscher
Matthias Horx sieht manchen Bundesbürger Abschiednehmen von seinem BMW
hin zur Entscheidung den Gärtner zu entlassen und selbst den Spaten
wieder in die eigene Hand zunehmen. Eine Wertediskussion von
erstaunlichem Ausmaß.
Bloß keine Panik, möchte man rufen. Alles nur Psychologie, sagt mancher
Wirtschaftsexperte. Ein Blick in die Geschichte, auch in die
Gartengeschichte, macht deutlich, dass sich Dinge wiederholen: Anfang
des letzten Jahrhunderts wurden Rufe laut, doch den englischen Rasen in
Kartoffelacker zu verwandeln, auch um zu zeigen, wie die Kluft zwischen
reich und arm sich immer weiter entwickelt.
Und was tue ich als Nächstes?
Die Wintersonne lacht inzwischen und lädt zum Umsetzen des Komposthaufens ein.
Gudrun Reher, 01.01.09