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Ich, mein Garten und junges Gemüse mit durchschlagender Wirkung.

Rhabarber, Rhabarber, riefen wir als Kinder, wenn das Gerede der Erwachsenen uns unverständlich war und die elterliche Autorität es zu ließ. Mit den ersten zarten, lieber roten statt grünen Stängeln, nach jedem Biss immer wieder gut angeleckt in den Zuckernapf und tapfer abgebissen! Sauer mache lustig, hieß es, wir lachten, aber zuckten schon in Erwartung der Säure zusammen. Guckten neugierig, ob sich das Loch im Socken zusammenzog, wie die Großmutter uns erzählt hatte.

In jedem Gemüsegarten standen zwei dieser Gewächse, die uns Kindern wie Herkulesriesen im Wachstum innerhalb von Wochen übertrumpften. Neugierig beobachteten wir wie die Rhabarberpflanze ihre kleinen Blätter zu riesigen Elefantenohren aufschlug und von uns als grüner Regenschirm genutzt wurde. Die Rhabarbergrütze, sehr steif mit reichlich Maisstärke, ersetzte an manchen sonnigen Frühjahrstagen, das Mittagmahl. Der Kuchen auf dem Blech, mit dicken Baiserschicht und üppigem Rührteig, lockte an den Sonntagen im Mai und Juni in vielen Familien. Gekauft wurde der Rhabarber nach meiner Erinnerung nicht. Entweder wuchs er im eigenen Garten oder wurde über den Gartenzaun gereicht. 

In diesen Tagen kam nicht nur der Rhabarber, sondern auch die Geschichte dieser Stängel über den Nachbarschaftsweg: Über die Seidenstraße aus den Gebirgen Asiens wurden die ersten Rhabarberpflanzen zu uns auf den Weg gebracht. Die Chinesen nutzen das Pulver, gewonnen aus den Wurzelknollen schon viele tausende Jahre als Magen- und Abführmittel. Aber im europäischen Raum wußte man in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht so viel mit dem Rhabarber anzufangen, der stand nicht auf dem Speisezettel, sondern als imposante Pflanze im Garten. Eigentlich erst durch die Hungerszeiten, bedingt durch die Kriege zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Deutschen das Knollengewächs für ihren Speisezettel entdeckt. So jung ist in unserer Region dieses Frühlingsgemüse. Für die etwas einfache, sparsame Küche mit Wasser zu Kompott gekocht und mit Grießbrei auf den Tisch gebracht, so kochen die heute Ergrauten noch ihren Rhabarber. Der Franzose veredelt die Säure des Rhabarbers mit einer Spätlese und macht schwach gegart, ein fruchtiges Etwas daraus.

Und wer einmal im Elsass warmen Rhabarberkuchen mit Mürbeteigboden und mit Eigelb aufgeschlagener Crème fraîche gegessen hat, der weiß, warum wir uns mit unserem Rhabarbernachbarn weiterhin gutstellen und vielleicht gar im Herbst uns einen Teil der Wurzel abstechen können. Ein  gut etablierten Rhabarber  will geradezu geteilt, aber auch mit Bedacht eingesetzt werden. Und das heißt, dass die Triebknospen knapp unter der Bodenfläche des Bodens zu liegen kommen. Nicht vergessen, Rhabarber fordert nach der Ernte reichlich gut ausgereiften Kompost und nach Johanni, ebenso wie beim Spargel wird nicht mehr geerntet. Also ran ans junge Gemüse solange noch Zeit ist und zitiert nach Wieland, der Gedanke an die flotte Verdauung: "Wenn er zu lange versäumt hatte, Rhabarber zu nehmen...".

Gudrun Reher, 04.05.12

Gudrun

Gudrun Reher ist freie Journalistin, Buchautorin, Sozialarbeiterin und passionierte Hobbygärtnerin. Sie wohnt in Hamburg und bewirtschaftet einen Garten im ca. 180 km entferntem Angeln nahe der Flensburger Förde.