Ich, mein Garten und die zarten Heldinnen
Der Februar hat es meist in sich. Ein gefährlicher Bursche. So kommt er übers Land mit trockenen Frösten, kaltem scharfen Ostwind, aber auch mit intensiver Sonne und manch großer Feuchtigkeit. Fast launisch lockt er im Garten tagsüber schon Vielerlei hervor, auch den ein oder anderen Gärtner, der sehen will, was der letzte Sturm angerichtet hat oder wo es schon etwas zu sehen gibt auf dem spätwinterlichen Boden. Die Pflanzen stecken in der Mittagswärme schon neugierig ihre Knospen heraus, aber in den Nächten kann's haarig werden mit Minusgraden. Die Helden dieses Monats sind in meinem Garten die Schneeglöckchen.
Mich erstaunen diese zarten ersten Boten des Frühlings immer wieder
erneut. Mit einem hellen Grün lockten sie unseren Blick. Der
Gartenfreund Johannes Roth spricht gar von "einer feinen Blässe, von
schlanker Gestalt und von einer sanften Unschuld, die schamhaft sich
neigt und so viel verheißt". "Schneeglöckchen sind wie sehr geliebte
Mädchen", so schreibt er, "denen man nicht gleich zu Leibe rückt. Sie
wollen bewundert und besungen sein"'; pflücken, abschneiden und
ausreißen verbietet sich, auch in der freien Landschaft, wo Wanderer
beglückt stehen bleiben: bloß schauen und träumen.
'Eine Jungfer im
Hemd' seien meine zarten, doch so tapferen Heldinnen in diesen Wochen.
Dichter und Literaten haben sich dieser Pflanze angenommen. Robert
Walser hat sie gar belauscht: "Sie reden vom Winter; aber auch vom
Frühling; sie reden vom Vergangenen, doch dabei schon keck und fröhlich
vom Neuen. Sie reden vom Kalten und doch schon vom Wärmeren; sie sagen:
Noch liegt am Schatten und auf Höhen ziemlich viel Schnee, aber an der
Sonne ist er schon geschmolzen. Noch kann allerlei Rauhes
daherfahren...".
Der von Gärtner hochgeschätzte Karl Foerster -ich
wiederhole zu gern seinen mich stets motivierenden schon
philosophischen Satz: Ein Leben ohne Garten ist ein Irrtum und wer mit
seinem Garten zufrieden ist, verdient ihn nicht- setzte auf die
Vielfalt der Schneeglöckchen. Er schreibt von ferngeborenen Arten, die
die Schneeglöckchenzeiten verlängern und von neuen Verklärungen ihrer
Form. Ob Galanthus caucasicus, Galanthus elwesii, ob großblütig oder
gefüllt, auf jeden Fall müsste in einem Foerster Garten die Einbettung
der Galanthus Blüten in ein buntes Drumherum von anderen
Frühlingsblüher erfolgen. Da findet sich unter der Zaubernuß der
Märzbecher, der Schneestolz, der Elfenkrokus neben dem
Frühjahrsalpenveilchen, die zusammen auf die ersten Perlhyazithen
warten. Die gartensüchtige Vita Sackville-West appellierte an ihre
Leser der wöchentlichen Observer-Kolumne sich für das schlichte,
gemeine Schneeglöckchen, Galanthus nivalis, zu entscheiden, die
Schönheit läge in der reinen Linie der einfachen Glocke.
So oder
so. Mögen meine Heldinnen des Februars entscheiden, wo sie sich
wohlfühlen und ihre Zwiebeln sich mehren. Man muss schon ausharren,
erst nach Jahren zeigt sich bei den Schneeglöckchen, ob der richtige
Platz gefunden wurde. Sonnenhungrig sind die Frühlingsboten, im Winter
sollte der Boden feucht und im Herbst möglichst trocken sein und wenn
der Zwiebelstock geteilt wird, rasch wieder in die Erde. Die kleinen
Zwiebeln sind sehr dünnhäutig und trocknen aus.
Gudrun Reher, 03.02.09