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Ich, mein Garten, die heilige Barbara und die Kinder.

Heute ist Barbaratag. "Sankt Barbara mit Schnee, im nächsten Jahr viel Klee. Knospen an Sankt Barbara sind zum Christfest Blüten da.", so lautete eine Bauernregel. Kein Frost, kein Schnee, aber die ersten Barbara-Zweige lassen sich dennoch schneiden.  
Und geschnitten werden muss ja ohnehin: Strauch- und Baumschnitt, die typische Winterbeschäftigung im Garten. Also, was eignet sich? Was steht im Garten, in Ihrem Garten? Vielleicht auch bestimmen die Erzählungen der Eltern und Großeltern, was in Ihrem Landstrich der Barbarazweig ist. Vieles will geschnitten werden. Der Apfel-, Birnen- und Kirschbaum,  die Birke, die Haselnuss, auch die Forsythien, gar die Kastanie und der Holunderbusch, der sich so enorm ausgebreitet hat.

Die Frage ist nur, wie man den Kindern die Legende der Barbara erklärt. Dramen von Gewalt und ehelicher Unterdrückung in der vorweihnachtlichen besinnlichen Zeit, das passt nicht für Kinderseelen. Wird der Ehemann, der die Barbara gefangen hielt und mit den Zweigen schlug zum außerirdischen Monster oder zum kranken Psychopaten?!
Die Kids von heut sind durch Computerspiel und Nachrichten allseits informiert. Beruhigend jedenfalls, dass die zu Weihnacht blühenden Zweige Glück fürs nächste Jahr versprechen und die Kinder draußen bei Wind, Regen, Sturm oder Sonne das Schneiden mit erleben.

Gerade ist ein wichtiges Buch auf deutsch mit dem Titel "Das letzte Kind im Wald?" erschienen. Der Autor Richard Louvs fordert "Geben wir unseren Kindern die Natur zurück!". Die These lautet, dass unsere Kinder heute nicht an der allseits propagierten Aufmerksamkeitsstörung ADHS leiden, sondern ihnen die Naturerfahrungen fehlen. Kinder, die in geschlossenen Räumen aufwachsen, werden betrogen. Denken wir an unsere Kindheit, an Erfahrungen mit Sommerpfützen, Matsch, an die spannenden Eroberungen der Nachbargärten, die Geheimnisse der Schuppen, Scheunen und Ställe. Das Draußensein, das unbeaufsichtigte Abenteuer, die Herausforderung aller Sinne; all das bieten die Fernseher und Computerschirme nicht.

Der Ausflug am Wochenende im wohl strukturierten Park oder auf vorgeschriebenen Wegen ist kein Ersatz. Wir Gärtner wissen um das Verlangen, "nach draußen" zu gehen, den Kopf frei zu bekommen, Erde zu spüren, Feuchtigkeit zu fühlen, Wärme und Kälte zu erfahren. Wie wunderbar es ist, Schuhe schwer mit Lehm an den Füssen zu haben, eine alte Jacke zu tragen, die vom Kampf mit dem Weißdorn gezeichnet ist, einen Filzhut zu besitzen, den Regenränder zieren.

Jetzt geht es hinaus! Mit Neugier und Staunen, mit Mut für die Naturerfahrungen: Hagel liegt im Garten, die Sonne lugt, die Barbarazweige wollen geschnitten werden und der Rest bleibt fürs Igelwinterquatier liegen.

Gudrun Reher, 04.12.2011

Gudrun

Gudrun Reher ist freie Journalistin, Buchautorin, Sozialarbeiterin und passionierte Hobbygärtnerin. Sie wohnt in Hamburg und bewirtschaftet einen Garten im ca. 180 km entferntem Angeln nahe der Flensburger Förde.