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Ich, mein Garten und die Farben.

"Man sollte wieder mal spazierengehn.", sagt Erich Kästner, "Das Blau und Grün und Rot war ganz verblichen. Der Lenz ist da! Die Welt wird frisch gestrichen!"
Das Gelb und Weiß der Narzissen strahlt in der kräftigen Aprilsonne, das Lila der späten Krokusse lässt sich umgarnen vom ersten Himmelblau des kaukasischen Vergissmeinnicht. Die Bergprimeln bieten verschiedene Blau- und Violettfarbtöne an. Die Knospen der Zierquitte lugen schon im kräftigen Orange. Die Zierkirsche lässt schon ein prächtiges Rosa ahnen. Welch ein Farbenfeuer tut sich auf in meinem Garten!

Die Welt wird frisch gestrichen
Der Gartenkünstler fragt sich, geht denn das, mit- und nebeneinander? Eine geordnete Unordnung, eine zufällige Komposition oder ein gekonntes Farbenspiel der Natur oder doch des Gärtners? Die Gartenseelen sind Gott sei Dank so verschieden wie die Menschen überhaupt: Die einen wollen es ganz bunt in ihrem Garten; da drängeln sich jetzt die Primeln in allen Farben; zwei, drei Wochen später öffnen sich die Tulpen mit den Farben des Regenbogens wie auf der Farbplatte des Künstlers. Der Nachbar sortiert: hier nur die Blautöne, dort ein Flecken in weiß, ein Stückchen weiter stehen die Stiefmütterchen mit roten Blüten. Bei ihm kommen die rosa Tulpen gezielt wie in einem Stoffmuster zwischen den hellblauen Vergissmeinnicht empor. Nur dort! Jedenfalls in diesem Frühling. Nächstes Jahr werden wie in meinem Garten vielleicht die Wühlmäuse oder der Maulwurf dafür gesorgt haben, dass hier und da eine Pflanze nach Luft und Sonne ringt, die sich in neuer Umgebung stolz behaupten will. Ausgraben, umsetzten, zurück in das Ordnungsprinzip? Eine Frage der Gärtnerpersönlichkeit?! Eine Frage der zur Verfügung stehenden Zeit, des Anspruchs und vielleicht auch der eigenen Ästhetik und des sinnlichen Empfindens?

Zu mir in den Garten kam ein Freund. Musisch, künstlerisch begabt und von berufswegen mit kritischen Blick, aus der Redaktion der Gartenzeitschrift entsprungen. Schweigend machte er seine Runde durch mein Grün und meine Frühlingsfarben. Die Manöverkritik war auf Farben abgestimmt. Das Gelb der Schlüsselblume harmonisiere nicht mit dem Bergprimel-Lilarot... und so weiter...
Wenig später sah ich in den Zeitschriften den aktuellen Trend: der gelbe Garten, der blaue Garten, der weiße Garten, der rote Garten und auch der grüne Garten. Pflanzenkombinationen zu bestellen, jetzt gleich und hier. Ich fühlte mich an die jährlich farblich wechselnde Weihnachts-Tannenbaum Deko erinnert. Die mache ich ja auch nicht mit. Mein Garten bleibt bunt, fürs Auge beruhigendes Grün zwischen den Beeten, in denen sich fürs Jahr hinweg immer wieder Neues auftut. Mit Ringelnatz Worten liege ich auf der Lauer:

"Unter der Erde murkst etwas,
unter der Erde auf Erden,
pitschert und drängelt .-Was will das
Ding oder was wird aus dem Ding,
das doch in sich anfing, einmal zu werden?"
 
Gudrun  Reher, 05.04.09   

Ihr Merkzettel

Lychnis flos-cuculi
Mimulus cupreus 'Roter Kaiser' (WS)
Polygonum bistorta 'Superbum'

Gudrun

Gudrun Reher ist freie Journalistin, Buchautorin, Sozialarbeiterin und passionierte Hobbygärtnerin. Sie wohnt in Hamburg und bewirtschaftet einen Garten im ca. 180 km entferntem Angeln nahe der Flensburger Förde.